Mein Blog im domicil6

Zurück zur Blogübersicht

Eintrag vom 14.02.2022 um 13:19 Uhr

Die schöne heile Welt wurde durch das Internet zerstört

Ich will es gleich vorweg nehmen; das Folgende ist meine ganz persönliche Meinung.


Vor 40 Jahren, etwa Mitte der 80er Jahre, war ich gerade mal 17 Jahre alt und war bereits voll in der SM-Szene tätig. Mit 18 dann durfte ich mir zum ersten Mal Sexzeitschriften wie den "Playboy" oder "Project X" kaufen und hatte zum ersten Mal die Möglichkeit, Kontaktanzeigen zu lesen, die mich natürlich geil gemacht haben. Viele Kontaktanzeigen waren damals aber eher diplomatisch ausgedrückt. Da waren dann Anzeigen zu lesen wie:

"Mann im mittleren Alter sucht gleichgesinnte devote weibliche Person zwecks gemeinsamer Freizeitgestaltung." oder

"Suche gleichaltrigen Partner zwecks gemütlicher Stunden zu zweit."


Die meisten dieser Anzeigen hatten eine Chiffre oder eine Telefonnummer für die Kontaktaufnahme angegeben.


So war es damals kaum möglich, auf eine Anzeige zu reagieren, um jemanden zu verarschen oder zu einem Date nicht zu erscheinen. Es war einfach mit ziemlichen Aufwand verbunden, mit dem Auftraggeber der Anzeige Kontakt aufzunehmen. Außerdem konnte eine Antwort auch schon mal 4 Wochen dauern. Man ließ sich damals viel Zeit und schrieb Briefe oder telefonierte miteinander, bevor es zum ersten Treffen kam.


Das war noch bis in die 90er Jahre so, obwohl das Internet langsam Fahrt aufnahm.


Natürlich wurde man auch damals bei einem verabredeten Date sitzen gelassen, aber das war dann eher die Ausnahme. Und der, der jemanden versetzt hat, wagte es nicht, sich erneut an die versetzte Person zu wenden.


Es war damals auch so, dass man miteinander telefonierte und für eine Woche später ein Treffen verabredete und bis dahin nicht mehr miteinander telefonierte. Und dennoch kamen gefühlt wohl 98 % der vereinbarten Dates zustande.


moderne Kommunikation


Bereits in den 80er Jahren kamen vermehrt immer mehr sogenannte Mailboxen im Umlauf. Das waren Programme, die man mit seinem Computer und einem Modem oder Akustikkoppler anrufen konnte, um Kontakt zu anderen Usern zu erhalten. Das war auch die Zeit, in der solche Programme für Sexkontakte genutzt wurden. Einfach mit dem Computer anrufen und Kontakte zu anderen Usern knüpfen, um sich miteinander zu unterhalten (chatten) oder um ein Treffen zu vereinbaren. In solche Mailboxen kamen nur User rein, die sich mittels Personalausweis eindeutig identifizieren konnten. Diese Ausweiskopie musste mit der Post oder zumindest per Fax an den Betreiber der Mailbox gesendet werden. Danach wurde man dann für den Zugriff frei geschaltet.
Die Chance, in solchen Mailboxen auf einen Fake zu treffen, war extrem gering. User, die sich nicht vernünftig benahmen, wurden sofort wieder gelöscht und erhielten keine zweite Anmeldemöglichkeit.


Zeitgleich mit Mailboxen kamen dann auch Telefonhotlines mit einer 0190er Nummer im Umlauf. Hierbei handelte es sich fast immer um Hotlines von Dominas, die mit jedem Anruf eine Menge Geld eingenommen haben. Kosten von 2,50 D-Mark pro Minute waren keine Seltenheit. So kamen bei einem Anruf schnell mal 50 D-Mark zusammen.


Aber auch virtuelle Treffpunkte, bei denen mehrere, teils 100 Anrufer gleichzeitig anrufen konnten, schossen zeitweise wie Pilze aus dem Boden. Hier konnten sich die Anrufer untereinander unterhalten und sich in sogenannte Räume treffen, in denen sie zu Zweit oder in einer kleinen Gruppe waren, um sich zu unterhalten. Fast immer ging es dabei um den Austausch von Sexphantasien, aber es wurden auch Treffen vereinbart.


Doch dann kam das Internet


Bereits Anfang der 90er Jahre kam das Internet. Auch hier erhielt der Nutzer eigene Zugangsdaten, mit denen er sich einwählen konnte. Bis dann eine amerikanische Firma, nämlich "America Online", auch bekannt als AOL begann, Millionen CDs in den Umlauf zu bringen und damit geworben hat, schnell und kostenfrei für eine bestimmte Zeit das Internet nutzen zu können. Logisch, dass auf diese CDs jeder scharf war und sie gesammelt hat. Ich selbst war damals stolzer Besitzer von rund 100 CDs von AOL. Leider (oder zum Glück?) konnte jede CD nur einmal für den Internetzugang genutzt werden. War die Zeit aufgebraucht, konnte man die CD in den Müll werfen.
So wurde das Internet immer beliebter und schon bald trat die Telekom den Kampf an und warb damit, nun auch über eine Telekomleitung ins Internet gehen zu können, ohne extra dafür zahlen zu müssen.


Tja, und so kam es, dass das Internet schon sehr schnell sehr beliebt wurde. Konnte man dort doch alles finden, was man suchte? Zuerst waren es Bilder und Videos, natürlich Sexbilder und -videos, dann aber später auch Webseiten mit Kommunikationsmöglichkeiten. So sprossen Anfang der 2000er Jahre die sogenannten "sozialen Plattformen" aus dem Boden und verschwanden wieder. Zu den Seiten, die wieder verschwanden, kann ich sex.de, gaynet.com und homosex.com zählen. Doch einige Seiten bestehen bis heute.


Zu diesen Seiten, die es seit über 20 Jahren gibt und sich seit dem großer Beliebtheit erfreuen, gehören zum Beispiel:


  • Planetromeo

  • Gayroyal

  • Sadomasochat

  • Lederstolz

  • sowie einige Andere


Am Anfang haben all die aufgezählten Seiten noch darauf geachtet, dass es vernünftig auf deren Plattformen zugeht, niemand beleidigt wird und Fakes gelöscht wurden. Apropos Fake; dieser Begriff hat bei uns im Lande erst mit Einzug des Internet und den sozialen Plattformen Einzug gehalten und wird heute viel zu oft benutzt. Früher bezeichneten wir solche Leute als Betrüger oder Lügner.


Doch mit steigenden Userzahlen wurde der Aufwand, für Ordnung zu sorgen für die Webseitenbetreiber anscheinend zu groß, was für Fakes wie 6 Richtige im Lotto erscheinen mag. Nachdem irgendwann zwischen 2000 und 2005 aufgehört wurde, für Ordnung zu sorgen, stieg die Zahl der Fakes dramatisch an. Klar, heute ist das Internet anonym und man kann sich sehr gut darin verstecken. Man kann sich eine eigene, frei erfundene Identität zulegen, um mit dieser Identität andere Nutzer zu beleidigen, falsche Gerüchte in die Welt setzen oder einfach nur seine Befriedigung darin finden, andere Nutzer, die es ehrlich meinen, zu verarschen. Leider hat sich das in der Internetwelt so weit herumgesprochen, dass es heute jedem sehr leicht fällt, als Fake sein Unwesen zu treiben.

Doch Vorsicht. Von anderen Nutzern sozialer Plattformen wird man heute schon als Fake bezeichnet, wenn man ein Date absagt oder dem Chatpartner nur mitteilt, dass die Interessen zu unterschiedlich sind.


Auch sind Beleidigungen Dank der Anonymität des Internet mittlerweile nahezu an der Tagesordnung. Da wird man als Psychopat bezeichnet, weil man z. B. auf BDSM steht oder weil man gänzlich andere Interessen hat. Die Möglichkeit, solche User beim Betreiber der Plattform zu melden, ist zwar vorhanden, läuft nach meiner Erfahrung aber fast immer ins Leere. Selbst, wenn solche User vom Betreiber gesperrt oder gar gelöscht sind, tauchen solche User innerhalb kurzer Zeit wieder als User auf. Sie werden dann erneut als neuer User wieder frei geschaltet. Ich schätze, hier spielt der Umsatz solcher Plattformen eine größere Rolle, als die Seriosität.


Aber es ist genau dieses Verhalten der Betreiber, die den Fakes alle Türen offen hält, getreu dem Motto: "Bitte trete ein und fühle Dich glücklich."


Dabei gibt es eine wunderbare Möglichkeit, Fakes vollautomatisch auszusortieren.


Ein neuer User bekommt nach der Anmeldung und dem ersten Login einen festgelegten Seriositätsindex. Dieser sollte in Prozent angegeben sein und bei 50 % festgelegt werden.

Nun haben andere User, die Kontakt hatten, die Möglichkeit, einen User neu zu bewerten und können angeben, ob es sich um einen Fake oder Beleidiger handelt, oder nicht.

Wird ein User als Fake bewertet, sinkt sein Seriositätsindex, anderenfalls steigt sein Seriositätsindex.


Fällt der Index auf 10 % oder darunter, wird er vollautomatisch aus der Plattform entfernt. Der User kann sich zwar dann immer noch neu anmelden, aber je öfter er das macht, um so schneller sinkt dessen Seriositätsindex.

Wird ein User überwiegend als Seriös eingestuft, kann sein Index auf maximal 100 % steigen. Zur Belohnung könnte der User 6 oder 12 Monate freien Zugang zur Plattform erhalten.


Allerdings muss bei dieser Art der Bewertung sichergestellt sein, dass wirklich ein Kontakt zwischen beiden Usern bestanden hat. Dies lässt sich z. B. durch die Absenderinformationen in Nachrichtenverläufen klären. Ein einfacher Besuch auf einem Profil darf nicht ausreichend sein. So kann kein User einen anderen User bewerten, weil er nur dessen Profil besucht, aber keine einzige Nachricht geschrieben hat. Auch muss auf eine Nachricht erst eine Antwort erfolgt sein, bevor ein User entsprechend bewertet werden kann.


Aber das nur mal am Rande.


Grundsätzlich kann ein Betreiber einer Plattform nicht immer zeitnah reagieren, wenn er auf Datenschutz usw. Wert legt.


Und wie wird man Fakes los?


Kurz gesagt: gar nicht.


Man kann sich nur halbwegs vor solchen Usern schützen, wenn man dessen Profil genau betrachtet, es auf logische Fehler prüft und auf Widersprüche im Profiltext achtet. So habe ich persönlich die Erfahrung gemacht, dass neue Profile, in denen nur die notwendigsten Daten ausgefüllt sind, fast immer Fakes sind.


Dennoch sollte man auch solchen neuen Usern ein paar Tage Zeit geben, das Profil zu vervollständigen.


Doch nicht nur neue User sind häufig Fakes, sogar 10 oder gar 20 Jahre alte Profile können einen Fake darstellen. Das merkt man allerdings immer erst zu spät. Manchmal werden kurz vor einem Date mit mir Profile gelöscht, die seit mehr als 10 Jahren online sind.


Ich prüfe jedes Profil, das mit mir Kontakt aufnimmt, erst genau, bevor ich auf dessen Kontaktversuch antworte. Ich habe mir dafür diese Prüfkriterien für Profile zurecht gelegt:


  1. Gibt es ein Facepic?

  2. Könnte sein angegebenes Alter mit dem Facepic hinkommen?

  3. Ist sein Profiltext aussagekräftig?

  4. Gibt es überhaupt einen Profiltext?

  5. Ist sein Profil vollständig ausgefüllt?

  6. Bleibt er in einer Konversation realistisch oder neigt er zu Phantasievorstellungen?

  7. Gibt er auf Wunsch seine Telefonnummer heraus?


Das ist natürlich bei neuen eMail-Kontakten so nicht durchführbar. Deshalb habe ich mir bei eMail-Kontakten ein paar eigene Stichpunkte erstellt:

    Bei welchem Provider hat er sein Mailkonto? (z. B. GMX, Freenet, web.de, mailbox.org oder vorsichtbissig.org?)
  1. Schreibt er vernünftig und sachlich oder sind seine Mails eindeutig durch akute Geilheit geprägt?

  2. Wie viele Mails schreibt er am Tag?


Wenn der Absender sein Mailkonto bei einem kostenlosen Provider wie den in Punkt 1 beschriebenen, hat, lasse ich grundsätzlich Vorsicht walten. Solche Konten sind genauso schnell gelöscht, wie eingerichtet und die Konversation könnte von Jetzt auf Gleich beendet sein. Auch ist es schon merkwürdig, wenn er schreibt, einen Job zu haben, aber an 7 Tagen in der Woche 50 oder mehr Mails an mich schickt.

Und ganz klassisch wird es dann, wenn die Konversation 1 bis 2 Tage vor einem vereinbarten Date grundlos endet und auf Mails nicht mehr geantwortet wird. Bei solchen Typen mache ich mir gar nicht erst die Mühe, irgend etwas für das Date vorzubereiten und ich hatte damit in 100 % aller Fälle Recht.


Ein Schlusswort


Früher war alles besser? Nein, garantiert nicht. Aber was es früher definitiv nicht so häufig gab, waren Fakes. Je mehr die Telekommunikation in unser Alltagsleben Einzug hielt, um so häufiger bekam man es mit einem Fake, Beleidiger, Denunzianten oder Mobber zu tun. Die Anonymität macht es möglich. Früher hatte man sich auch mehr Zeit mit einem Date gelassen, teils bis zu 4 Wochen. Dafür waren die Dates intensiver und längerfristiger angelegt.


Heute, in unserer schnelllebigen Zeit, muss ein Date möglichst sofort stattfinden und dann bitte auch nur für eine einmalige und begrenzte Zeit. So richtig Zeit für ein Date nimmt sich heute kaum noch jemand. Und während früher vielleicht nur 5 von 100 Dates geplatzt sind, sind es heute über 70 %. Auch hier spielt die Anonymität den Fakern in die Hände.



  •  

    Anzahl Kommentare: 0

    Zurück zur Blogübersicht

  •